Montag, 28. November 2016

Montagstalk: Gedanken übers Alt werden

Hallo meine lieben Nähbegeisterten,

in letzter Zeit mache ich mir viele Gedanken über das Älter und auch gerade Alt werden. Ich denke viel zurück an meine Kindheit, wie ich dieses und jenes entdeckte. Aber ich denke auch an jetzt und wie mein Leben in ein paar wenigen Jahren ist. Und natürlich denke ich auch daran, wie es mal sein wird, wenn ich so richtig alt bin.

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Warum diese ganzen Gedanken?

Ganz einfach! Mein eigener Großvater bringt mich viel auf diese Gedanken. Denn auch sein Leben lasse ich in meinen Erinnerungen Revue passieren. Die Geschichten, die er mir erzählt hat von früher. Als er noch ein Kind war oder auch seine Zeit im zweiten Weltkrieg als Soldat und die Gefangenschaft danach. Als sehr, sehr junger Mann! Etwas, was sich keiner für seine Kinder in so einem Alter wünschen würde! Denn mein Großvater war zu Kriegsende gerade mal 18 Jahre alt …

Und ich denke auch an ihn gemeinsam mit meiner verstorbenen Großmutter, Erinnerungen an meine Kindheit mit ihnen und auch viel an jetzt. Jetzt ist er fast 90 Jahre alt! Die Kinder und auch Enkelkinder sind schon lange groß. Er ist fast alleine noch übrig von seine Freunden, lediglich ein anderer älterer Herr ist noch da. Der ihn auch ein Mal im Monat besuchen kommt. Zu Fuß ist er auch nicht mehr der Fitteste und gerade die letzten Wochen merkt man auch sehr, wie er sich immer mehr und mehr in sich zurück zieht! Wie ein alter Baum im Herbst, der sich auf den Winter vorbereitet. Eine lyrische Übersetzung für das, was vermutlich tatsächlich von statten geht…

Gerade auch ein Lied, welches ich auch sehr gerne höre, bewegt mich noch mehr an diesen Gedanken festzuhalten. 7 years old von Lukas Graham!

Kennt ihr das? In diesem Lied lässt auch Lukas sein Leben von Anfang bis zu seinem vermutlichen Ende durchlaufen! Mit Ratschlägen, die ihm gegeben worden und Erwartungen, die er auch hätte.

Hier ein Mal der Songtext übersetzt ins Deutsche für euch:

Als ich sieben Jahre alt war, sagte mir meine Mama,
geh und schließe Freundschaften oder du wirst einsam sein.
Als ich sieben Jahre alt war.

Es war eine große große Welt, aber wir dachten wir wären größer.
Brachten uns gegenseitig an die Grenzen, wir haben schneller gelernt.
Mit elf rauchten wir Gras und tranken gebrannten Schnaps.
Niemals reich, also gingen wir raus um den allgemeinen Wert zu erreichen.

Als ich elf Jahre alt war, sagte mir mein Papa,
geh und such dir eine Frau oder du wirst einsam sein.
Als ich elf Jahre alt war.

Ich hatte immer diesen Traum, wie mein Papa vor mir,
also begann ich Lieder zu schreiben, begann Geschichten zu schreiben.
Etwas über diese Herrlichkeit, die mich immer nur zu langweilen schien,
Weil nur die, die ich wirklich liebe, werden mich je wirklich kennen.

Als ich zwanzig Jahre alt war, wurde meine Geschichte erzählt,
Vor der Morgensonne, als das Leben einsam war.
Als ich zwanzig Jahre alt war.

Ich sehe nur meine Ziele, ich glaube nicht ans Versagen.
Weil ich weiß, dass die kleinsten Stimmen am meisten bewirken können.
Ich habe meine Jungs bei mir, zumindest die, die mir am liebsten sind.
Und falls wir uns nicht sehen bevor ich gehe, hoffe ich, dass ich dich später wieder sehe.

Als ich zwanzig Jahre alt war, wurde meine Geschichte erzählt,
Ich habe über alles geschrieben, was ich vor mir gesehen habe.
Als ich zwanzig Jahre alt war.

Bald werden wir dreißig Jahre alt sein, unsere Lieder wurden verkauft,
wir reisten um die Welt und wir sind immer noch in Bewegung.
Bald werden wir dreißig Jahre alt sein.

Ich lerne immer noch über das Leben.
Meine Frau brachte mir Kinder,
also kann ich ihnen alle meine Lieder vorsingen,
und ich kann ihnen Geschichten erzählen.
Die meisten meiner Jungs sind bei mir
Manche sind noch da draußen, um ihr Glück zu suchen
und manche musste ich zurück lassen.
Mein Bruder, es tut mir immer noch leid.

Bald werde ich 60 Jahre alt sein,
Mein Vater wurde 61,

Erinnere dich ans Leben und dann wird dein Leben besser werden.
Ich machte den Mann glücklich, als ich ihm einen Brief schrieb.
Ich hoffe meine Kinder besuchen mich ein- oder zweimal im Monat.

Bald werde ich sechzig Jahre alt sein, werde ich denken die Welt ist kalt?
Oder werde ich viele Kinder haben, die mich wärmen?

Als ich sieben Jahre alt war.

© www.songtexte.com

Und ein bisschen sehr viel Wahrheit ist doch in diesem Text oder?! Gerade die Stelle, in der er über sein 60-jähriges Ich schreibt bewegt mich sehr. „Ich hoffe, meine Kinder besuchen mich ein- oder zweimal im Monat“! Und ja, so ist es doch! Ich selbst habe Zeiten, da sehe ich meine Eltern jetzt schon nicht öfter. Im Winter wird es meistens mehr, weil da einfach im und ums Haus weniger zu tun ist!

Und bei meinem Großvater, der wohl gemerkt 6 Kinder, 9 Enkel und 4 Urenkel hat, ist die Tendenz sogar noch mehr gesunken. Es kommen in Regelmäßigkeit auf einen Monat betrachtet eigentlich nur 3 Kinder und ein Enkel. Gelegentlich alle paar Monate lässt sich dann noch der ein oder andere blicken! Aber das ist auch mehr als selten geworden.

Eigentlich doch traurig, oder? Ich weiß, jeder von uns hat ein sehr stressiges Leben … das ist einfach so … warum, weiß ich auch nicht … und jeder ist Froh, über jedes bisschen Zeit, die er für sich hat. Dabei vergessen wir aber auch oft die Menschen, denen wir doch auch unser Leben verdanken, oder?

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Wenn ich zurückblicke an mein Anfang-20-Ich, war ich da auch nicht besser! Denn da denkt man, man hat noch alle Zeit der Welt mit den Menschen, die man sein Leben lang schon kennt. Da habe ich meine Eltern natürlich häufiger gesehen, aber die Großeltern (obwohl ich fast genau täglich bei ihnen vorbeigefahren bin) sehr, sehr selten. Vielleicht auch nur 3 oder 4 Mal im Jahr!

Aber mir wurde vor zwei Jahren dann einfach immer bewusster, dass die Tage meiner Großeltern mehr hinter ihnen lieben wir vor ihnen. Und sein wir doch mal ehrlich, auch die meiner Eltern vermutlich schon! Ich stehe in etwa genau in der Mitte meines Lebens vermutlich … vielleicht bringt mich das auch zum Umdenken?! Oder einfach die letzten zwei Jahre meins Lebens, in denen ich einfach diesen Rückhalt gebraucht habe?! Ich weiß es nicht.

Ich habe dann in Regelmäßigkeit von ein Mal die Woche meine Großeltern gesehen und auch meine Eltern. Das war auch gut so, denn ich konnte das letzte Jahr mit meiner Großmutter sehr intensiv noch verbringen! Dafür bin ich unheimlich dankbar. Denn viele meiner Cousinen und Cousins konnten oder hatten das nicht. Am Tag der Beerdigung haben sie alle Rotz und Wasser geheult. Auch ihre eigenen Kinder! Heimlich, still und leise haben sie sich bestimmt geschworen, mehr Zeit mit meinem Großvater noch zu verbringen. Denn wer weiß, wie lange er noch uns erhalten bleibt? Und um ihn stand es damals ein paar Monate zuvor auch nicht so gut! Aber dieser Vorsatz hielt noch nicht mal ein halbes Jahr!

Da macht mich sehr, sehr traurig! Denn diese Zeit, die ich mit ihm jetzt noch verbringe, ist mir sehr wichtig. Nicht, weil er sehr gesprächig wäre … er ist oft müde und schläft oder klinkt sich bei Gesprächen am Tisch auch oft aus … sondern weil es ihm gut tut! Und sollte es nicht das sein, was wichtig ist? Einem anderen Menschen etwas Gutes tun?

Immerhin hat er 19 Menschen (Tendenz steigend) das Leben geschenkt! Sollten wir nicht dankbar sein dafür und für das, was er uns gegeben hat, uns revanchieren? Und wenn es nur eine Stunde unseres Lebens pro Woche oder Monat ist? Sollten wir nicht im hier und jetzt leben und unseren älteren Menschen den nötigen Respekt zollen, den sie verdienen? Egal, was war. Egal, was für Geschichten drum herum um die Besuche sind. Egal, ob man lieber wo anders wäre. Denn hinterher werden wir es bereuen! An seinem Grab wieder Rotz und Wasser heulen! Doch dann ist es eben zu spät! Der Moment vorbei, Zeit zu verbringen. Geschichten zu hören, Erinnerungen aufzubauen …

Ja, ihr merkt schon … ich habe da wirklich viele Gedanken im Kopf! Und gerade heute werden sie vermutlich noch stärker sein! Denn mein Großvater ist heute Morgen ins Krankenhaus mit meiner Mutter zu einer OP und ich hoffe, dass ich ihn morgen heil und wohlbehalten sehen kann. Das er eben noch da ist … denn wer weiß das schon?!

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Warum dieser ganze Text?

Ja, warum schreib ich das ganze hier? Um meine Anverwandten, ich nenne sie nicht Familie … denn das sind sie für mich nicht (SORRY, aber das VERHALTEN einer FAMILIE sieht anders aus), aufzurütteln? Nein, ganz sicher nicht! Denn das würde nichts bringen! Da ist so einiges, was im Argen liegt… 🙂

Ich schreibe das ganze für mich. Weil ich das alles mal erzählen wollte! Es auch mal raus musste! Und ich schreibe es für alle diejenigen, die es ähnlich wie ich sehen. Ich schreibe es, um euch daran zu erinnern, dass es diese Menschen noch gibt. Das ihr JETZT die Chance habt, sie zu sehen. Schafft Erinnerungen, schenkt ihnen Freude. Und ich möchte euch auch ins Gewissen reden. Denn wollt ihr einsam und alleine später mal sein?

Also ICH möchte das NICHT! Das will doch keiner, oder? Ich möchte später im Kreis meiner Lieben nach wie vor sein. Besucht werden, Gesellschaft haben … wissen, geliebt zu werden und auch einen Anteil an meiner Familie haben. Das zurück bekommen, was ich einst meinen Kindern gab.

Denn genau so ist das Leben doch! Einst haben unsere Eltern und auch Großeltern uns geholfen im Leben und irgendwann werden wir das selbe für sie tun … und auch tun MÜSSEN und auch tun wollen sollten! Denn so ist das Leben, genau so! So wurde es von der Natur vorgesehen. Die Stärkeren helfen den Schwachen im Rudel! Und genau so ist es auch bei uns Menschen.

Übrigens hab es vor einiger Zeit auch einen sehr schönen Beitrag bei La vie vagabonde. Der Titel „Was ist eigentlich, wenn man übrig bleibt?“ sagt schon viel darüber aus. Und diesen Bericht habe ich durch Zufall entdeckt, gelesen und ich erinnere mich heute noch an den ganzen Text. Ich weiß auch noch, wie sehr mich diese Geschichte beim Lesen bewegt hat. Wie ich vor dem Bildschirm saß und mein Gesicht vor Tränen nass war. Weil das Leben und die Menschen einfach so abgestumpft sind … ich kann mir nicht vorstellen, dass wir schon immer so waren …

So wie es jetzt ist, ist es jedenfalls nicht schön! Oft denke ich an die Zukunft und mache mir Gedanken, wie das wohl sein wird … werde ich es gut haben? Werden meine Kinder es gut haben? Wohin wird die Menschheit sich entwickeln?

Gedanken über Gedanken … ich hoffe, das der ein oder andere etwas aus diesem Beitrag mitnehmen kann. Sich an die eigene Nase packt … an die denkt, die es noch gibt und auch an seine eigene Zukunft denkt. Macht alles so im Leben, wie ihr selbst auch leben wollt. Wie ihr selbst auch behandelt werden wollt. Seit rücksichtsvoll und hilfsbereit und lebt euer Leben so, als gäbe es den Morgen nicht! Da ist es, was ich mir wünsche für euch, für diese Welt! Das wir einfach mehr wieder auf uns achten, das Leben als wichtig und wertvoll sehen.

Schon komisch, denn eigentlich wollte ich mal nie über Themen schreiben. 🙂 Aber so ist es jetzt nun mal!

Schreibt mir gerne eure Gedanken zum älter und Alt werden, wie ihr dieses ganze Thema empfindet. Und wenn ihr ein Thema für den nächsten Montagstalk habt, ist das hier gerne auch erwünscht. 😉

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4 Kommentare

  1. Julie sagt:

    Guten Morgen Eva, ein sehr wichtiges Thema was du heute erörterst…
    Je älter man wird, desto mehr Gedanken macht man sich über das Älter werden, über die Älteren in der Familie und wie sie langsam abbauen, über seine Kinder und wie deren Zukunft in unserer heutigen Welt aussehen wird!
    Und da kann man wirklich nur sein eigenes Verhslten steuern und sich etwas Wach rütteln, ein gutes Veispiel für seine Kinder sein und Ihnen zeigen , dass es wichtig ist Zeit mit den Älteren in der Familie zu verbringen, sie regelmäßige zu besuchen, um vielleicht dann selbst im Alter noch genug Halt zu bekommen!
    Ich merke ich selbst könnte auch noch einiges zu den Thema beisteuern!
    Danke Eva für deine Worte!
    LG Julie

    1. Liebe Julie,

      ja, das ist ein sehr weitschweifendes Thema!

      Danke für deinen Kommentar.

      ♥-lichst eVa

  2. MaryLou sagt:

    Liebe Eva, vielen lieben Dank für den tollen Beitrag. Wir hetzen heute viel zu schnell ohne nach rechts und links zu schauen. Zu schauen was uns WIRKLICH wichtig ist und nicht so hetzen mit Scheuklappen auf… Und vor allem ist es wichtig, unseren Liebsten zu sagen,das sie uns wichtig sind, wir sie lieben und die Zeit gern mit ihnen verbringen, denn irgendwann ist es dafür zu spät. Ach ich könnte noch so viel dazu schreiben, aus meinem Leben und meinen Erfahrungen….
    Ich wünsche uns alles,das wir achtsam sind und das Leben genießen mit unseren Liebsten, ob das unsere Familie oder unsere Freunde sind.
    Herzlichste Grüße, MaryLou

    1. Liebe MaryLou,

      danke für deinen sehr schönen Kommentar.

      ♥-lichst eVa

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